Das Märchen von den drei Brüdern
Es waren einmal drei Brüder. Sie lebten in einem kleinen Dorf. Das Dorf lag auf einer Insel, ganz weit hinter dem Meer. Die Drei waren leidenschaftliche Erfinder.
Sie erfanden alles, was sich überhaupt erfinden ließ – und noch viel mehr. Wenn sie damit etwas Neues herstellen konnten, dann taten sie dies auch und verkaufen es auf dem Markt.
Schon bald wurde die Werkstatt, die sie in ihrem Garten eingerichtet hatten, zu klein und sie hielten Ausschau nach einem größeren Platz.
Am Rande des Dorfes fanden sie eine große Wiese, auf der sich ein Schuppen befand. “Den nehmen wir”, sagten sich die Brüder und zogen um. Und weil auch der Schuppen alsbald zu klein wurde, errichteten sie auf dem Gelände eine große Halle.
Ihre Erfindungen wurden immer perfekter und sie selbst immer reicher. Viele ihrer Erfindungen waren sehr nützlich! Etwa die Waschmaschine, die Wäsche nicht nur trocknet, sondern bügelt und gefaltet im Wäschekorb stapelt. Die Dorfbewohner, insbesondere die …Innen, waren begeistert.
Sie erfanden Kutschen, mit denen man, ohne sich überhaupt zu bewegen, von einem Ort zum anderen reisen konnte. Wer wollte, der konnte also überall auf der Welt sein. Gleichzeitig!
Irgendwann verloren sie den Überblick. Wieder und wieder entbrannte Streit darüber, wer denn nun was erfunden hatte. Schließlich befestigten sie an jedem Werk einen Zettel mit dem jeweiligen Namen.
Der Ältere erfand nicht nur Nützliches, sondern auch Dinge, die ihn allen anderen überlegen werden ließ. Zum Beispiel einen dritten Arm, der größer und stärker war als alle anderen Arme auf der Welt. Oder ein Rad, das er an seinem Körper befestigte. Mit ihm wurde er zum schnellsten Bruder der ganzen Welt.
Eines Tages erfanden sie Irrlichter. Es waren die schönsten Irrlichter, die man sich vorstellen kann. Schon bald leuchteten auf dem Gelände dutzende davon. Doch die Dorfbewohner beschwerten sich. Die Irrlichter führten sie in die Irre. Manchmal wüssten sie gar nicht mehr, wie sie nach Hause kommen sollten. Außerdem stünden die Lichter auf der Gemeindewiese. Das Grundstück gehöre also auch ihnen. Sie müssten ihr Vieh jetzt hoch in die Berge treiben, damit es genügend Futter bekäme.
Als sich immer mehr Dorfbewohner einfanden und die Wiese wieder haben wollten, errichteten die Brüder einen hohen Zaun. Der Älteste hielt von nun an jede Nacht Wache und sorgte dafür, dass die Dorfbewohner das Gelände nicht betraten.
So vergingen viele Jahre. Eines Tages jedoch waren die Zettel verschwunden. „Wie sollen wir denn jetzt wissen, wem etwas gehört?“ riefen die zwei Jüngeren ratlos. Doch der große Bruder lächelte. “Das ist doch gar nicht nötig“, erklärte er ihnen. “ Mir gehört sowieso alles.”
“Wieso denn das?” wandten die Jüngeren vorsichtig ein. Wir haben doch auch Vieles erfunden. Eigentlich sogar mehr als du.” – “Schließlich sind wir zwei”, fügten sie sicherheitshalber hinzu.
“Ja, aber wenn ich nicht gewesen wäre, hätten die Dorfbewohner euch längst alles weggenommen. Seid mir also lieber dankbar, dass ich euch beschützte. Und wenn ihr brav seid, dann könnt ihr auch weiterhin das Eine oder Andere besitzen. Die Jüngeren fügten sich und taten von nun an alles, was der Größere von ihnen verlangte.
Als sie noch ein paar Jahre später einmal am Strand entlang spazierten, zog sich das Meer plötzlich zurück und gab eine riesige Sandfläche frei. Jubelnd lief der Älteste auf den neu entstandenen Strand und rief: “Schnell, holt ein Schild, damit ich ihn in Besitz nehmen kann. So ein schöner Strand muss mir gehören.”
Die Jüngeren taten wie ihnen geheißen. Sie holten das Schild und begannen es in den Sand zu schlagen.
Als das Wasser zurückkam, wollten sie weglaufen. Doch ihr Bruder hielt sie zurück: “Hämmert schneller! Damit das Wasser weiß: Dies ist mein Strand.” Die Jüngeren befolgten den Befehl und hämmerten, bis das Wasser über ihren Köpfen zusammen schlug. Denn das hatte der Große Bruder nicht beachtet: Wasser kann gar nicht lesen!
Und wenn sie nicht gestorben sind, so hämmern sie noch heute.
