Jörn Wiertz

Geschichten

Aus anderer Perspektive 

Das Licht geht an. Endlich konnte ich mal wieder ausschlafen. Die Uhr an der Wand zeigt kurz nach Sieben. Manchmal weckt er mich mitten in der Nacht auf. Wenn er einen Text schreibt. Diesen zum Beispiel.

Die Uhr geht einige Minuten vor. Gerade so viel, dass er den Bus noch erreicht. Falls er etwas vergisst. Den Einkaufszettel zum Beispiel. Oder das Portemonnaie. Kommt nicht selten vor.

Drückt er mich oder verschwindet er direkt im Bad? Er drückt mich. Im Vorbeigehen. Etwas mehr Aufmerksamkeit könnte er mir schon schenken. Bis ich rot werde, dann dauert es eine ganze Weile. Wenigstens wird mir jetzt warm. Ein paar Grad mehr könnte die Küche durchaus vertragen. Selbst der Sauerteig beschwert sich manchmal bei mir. Vielleicht richtet es ja der Klimawandel. Scheint ihn aber nicht wirklich zu interessieren. Die Kälte. Er selbst murmelt sich im Schlafzimmer unter einer warmen Bettdecke ein.

Auch im Sommer wird es hier nicht richtig warm. Nordseite. Obendrein steht noch ein Baum vor der Tür. Die Sonne sehe ich hier erst spät abends, wenn sie untergeht. Wirklich warm wird es nur, wenn er ein Brot in den Ofen schiebt. Oder einen Kuchen backt.

Ordentlich zerknittert sieht er aus. Mein Chromgehäuse dagegen glänzt, als käme ich gerade aus der Waschstraße. Gestern hat er mich ordentlich gewienert. Tagsüber kehrt sich das Verhältnis um. Sein Knittern wird weniger, die Flecken auf meinem Chrom nehmen dagegen zu.

Er kommt wieder zurück. Ging ja richtig schnell. Bei mir leuchtet aber schon die zweite Lampe. Ich bin bereit. Achtung! Ohren zu halten! Ganz schön laut, so eine Kaffeemühle.

Jetzt setzt er den Siebträger ein, vergisst nicht die Kaffeetasse drunter zu schieben und findet sogar den richtigen Knopf. Stramme Leistung so früh am Morgen. Jetzt muss ich pressen.  Puh, ist das schwer. Das Kaffeemehl ist mal wieder zu fein gemahlen.

Langsam drücke ich mir die schwarze Brühe aus dem Leib. Sein Gesicht hellt sich auf. Jetzt noch die Krönung. Für den Milchschaum brauche ich eine Weile. Der braucht nämlich viel Druck, der Dampf, nicht die Milch. Sonst schäumt sie nicht.

Dann schüttet er die Milch in den Kaffee, gibt etwas Zucker dabei  – und vergisst mal wieder, meine Dampfdüse zu reinigen. Wenigstens schaltet er mich aus.

Er selbst verschwindet im Wohnzimmer – und setzt sich vor den warmen Ofen. Ist ihm wohl zu kalt in der Küche.