Grenzerfahrung
Gestern war sie noch so, wie ich sie kannte. Ein Wanderweg hatte uns an ihr vorbeigeführt. Natürlich in sicherem Abstand.
Sie zog sich quer durch Deutschland: Ein unüberwindbarer Stacheldrahtzaun, dahinter ein breites Minenfeld. Wachtürme, in denen die Soldaten saßen, die die Grenze beschützten. Sie schossen auf alles, was ich bewegte – egal ob Mensch oder Kaninchen.
Mit dieser Grenze bin ich aufgewachsen. Ich kam gerade in die Schule, als die Deutsche Demokratische Republik diesen eintausendvierhundert Kilometer langen Todesstreifen errichtete.
Plötzlich war die Gaststätte, in die man jeden Sonntag ging, unerreichbar geworden. Die innerdeutsche Grenze trennte Brüder und Schwestern, Freunde und Liebende.
Wir selbst wohnten weit weg. Nur kurz vor Weihnachten sprachen wir manchmal über unsere entfernten Verwandten im Osten. Meist ging es darum, wie Kaffee und Orangen zu verpacken seien, um nicht entdeckt zu werden. Solche Geschenke waren nämlich verboten. Verdächtige Pakete wurden durchsucht und konfisziert.
Immer wieder entbrannten Diskussionen darüber, ob diese DDR denn überhaupt ein Staat sein könne. Schließlich wurde die BRD als erstes gegründet.
Mein Atlas tat einfach so, als gäbe es zwar eine Grenze, den Staat dahinter aber nicht. Bild verzierte seinen Namen noch bis zuletzt mit Gänsefüßchen.
In der Schule lernten wir, dass dieser Teil eines fernen Tages wieder zum richtigen Deutschland zurückkehren würde. Wirklich zu glauben, schien das allerdings niemand.
1989 kollabierte die Diktatur in der DDR – plötzlich und unerwartet.
An diesem Sonntag sollte die Grenze erstmals wieder geöffnet werden. Angesichts des historischen Ereignisses und des Umstandes, dass wir zufällig gerade in der Nähe Urlaub machten, wollten auch wir dabei sein. Doch wo gab es hier einen Grenzübergang? Die Vermieterin unserer Ferienwohnung wusste Rat.
”Fahren sie die kleine Straße rechts hoch, dann links. Zwischen Simmershausen und Oberweid können sie einen gemütlichen Spaziergang nach Drüben machen.”
Wo denn genau dieser Übergang zu finden sei, wollen wir wissen.
“Den können sie gar nicht verfehlen. Reihen Sie sich einfach in die Autoschlange ein.“
Mit der für eine Familie mit Kindern üblichen Verspätung machen wir uns auf den Weg. Die Sonne steht bereits hoch am Himmel, umgeben von einem makellosen Blau.
“Nicht schon wieder wandern. Das ist sooo langweilig. “
Unser Achtjähriger protestiert. Die kleine Schwester schließt sich an.
“Meine Beine tun soooo weh! Ich kann gar nicht mehr laufen.“
Humpelnd und mit schmerzverzerrtem Gesicht steigt sie irgendwann ins Auto. Allerdings nur, weil ich angedeutet habe, es könne sich unterwegs die Möglichkeit ergeben, ein Eis zu kaufen.
Kaum sind wir um die erste Ecke gebogen, ertönt von der Rückbank her ein zweistimmiger Chor.
„Wann sind wir denn endlich dahaa?”
Die Frage wiederholt sich von nun an alle dreißig Sekunden.
Nach fünfzehn Minuten sind wir tatsächlich da. – Zäh fließenden Verkehr und Parkplatzsuche auf einem provisorisch dafür hergerichteten Acker inbegriffen.
Der Grenzübergang: Mehr als ein Loch im Zaun ist es nicht. Der Maschendraht ist senkrecht von oben bis unten aufgeschnitten. Die messerscharfen Drahtrollen darüber sind unbeschädigt. Er ist aufgeklappt und mit Kabelbindern befestigt. So dass ein normal großer Mensch aufrecht hindurchgehen kann.
Natürlich gibt es Grenzposten. Sie kontrollieren die Ausweise. Schließlich ist die DDR immer noch ein souveräner Staat. Und wer einen solchen betreten will, der muss sich ausweisen.
Rechts sitzt ein Grenzschützer aus der DDR. Daneben, keine zwei Meter von entfernt, sein früherer Feind aus der BRD.
Gestern noch mit Sturmgewehr, haben sie es sich auf einem Campingstuhl bequem gemacht. Der von Drüben blickt ebenso freundlich drein wie sein westdeutscher Kollege.
Rot-weiße Sonnenschirme mit Coca-Cola-Logo spenden Schatten.
Wie Grenzbeamte sehen sie eigentlich nicht aus; eher wie zwei sonnenhungrige Urlauber.
In Scharen erklimmen Menschen den kleinen Hügel, der hinter dem Zaun liegt. Sie sind auf dem Weg ins Nachbardorf. Jahrzehntelang haben sie nicht einmal dessen Kirchturmspitze zu Gesicht bekommen.
Deutlich ist ein kleiner Pfad zu erkennen. Neidisch blickten wir ihnen hinterher. Unsere Pässe haben wir in der Ferienwohnung liegen gelassen. Meine Frau geht mutig auf die nicht besonders verteidigungsbereit aussehenden Grenzer zu.
„Wir würden gerne auch mal rüber. Leider haben wir unsere Ausweise vergessen. Wäre das trotzdem möglich?“
Der Westler wirft seinem Kollegen aus dem Osten einen fragenden Blick zu. Der blickt auf die Lücke im Zaun und lächelt verschmitzt:
„Wenn Sie versprechen, auch wieder zu kommen …“.
Bis nach Oberweid schaffen wir es allerdings nicht. Oben auf dem Hügel, das Dorf schon vor Augen, drehen die Kinder plötzlich und rennen aufgeregt zurück in den Westen.
Erst als sie hinter dem Zaun sind, erfahren wir den Grund:
“Papa, Papa!”, rufen sie: “Auf dem Parkplatz steht ein Eiswagen!”
Jörn Wiertz, August 2025
