Jörn Wiertz

Geschichten

Priority

Priority

Unser letzter Urlaub war Priority. Der Urlaub auch, aber um den geht es hier nicht. Es geht um den Flug. Genau genommen geht’s auch nicht um den Flug selbst. Wir hatten ziemliche Turbulenzen. Aber dafür konnte Ryanair ja nichts.. Fliegen tun die ja ganz manierlich. Die Landung war dann wieder ganz okay.

Wenn ich da an Spantax denke… Da verwechselte der Pilot schon mal Flughafen und Autobahn. Ein anderes mal vergaß jemand das Fahrwerk auszufahren. Von vielen anderen Unglücken, die tragisch endeten, ganz zu schweigen.

Genau genommen geht es um das Drumherum.

 

“Warum buchst du Priority?”

Meine Frau war verwundert. Schließlich suchte ich nach billigen Flügen. Koste es, was es wolle.

„Andere Flüge waren schon vergriffen, war halt am Billigsten. Egal, irgendwie sind wir jetzt was Besonderes. Stimmt ja auch, oder?“

„Getränke kostenlos, Anrecht auf eine Schwimmweste oder Sitzplatz am Notausgang?“

„Nein, sitzen kostet extra.“

„Müssen wir etwa den ganzen Flug stehen?“

„Nein, sitzen dürfen wir schon. Stehplätze sind nicht im Angebot. Vermutlich aus Sicherheitsgründen. Nur aussuchen dürfen wir sie nicht. Wir dürfen ein zweites Handgepäckstück mit an Bord nehmen. Müssen wir allerdings unter dem Sitz verstauen. Und wir werden beim Boarding bevorzugt behandelt.“

 

Nichtflieger seien an dieser Stelle auf die Bedeutung der Gepäckfrage hingewiesen: Gepäck, welches Mensch mit in den Urlaub zu nehmen gedenkt, kostet extra. Man fliegt ja nbicht jeden Tag in den Urlaub. Mitunter ist der Koffer teurer als der Flug selbst. Gedankenlos den Koffer packen wird teuer. Dann kostet das Wanderoutfit plötzlich das Doppelte. Pro Person und Strecke versteht sich. Handgepäck ist in Gewicht und Größe ebenfalls limitiert. Gepäck sparen ist angesagt. Deshalb sehen manche Fluggäste aus, als flögen sie nicht in die Sonne, sondern in die Antarktis: dicke Jacke, zwei Pullover und Hosen übereinander (mindestens), dicke Wanderschuhe. Das Gewicht des Fliegers verändert sich auf diese Weise zwar um Null Gramm, mein Geldbeutel allerdings spürt den Unterschied.

Ungerecht ist die Regelung allemal. Warum meine Frau mit fünfzig Kilogramm Kilogramm Eigengewicht (plus Koffer) genauso viel zahlt wie ihr Sitznachbar, der schon Ohne Hundertzwanzig auf die Waage bringt, entzieht sich meinem Verständnis? Bei Priority durften wir jetzt sogar ein weiteres Gepäckstück mitnehmen. Wir mussten es allerdings unter dem Sitz verstauen. Für mich war das gar nicht machbar. Schließlich habe ich schon so schon Probleme, meine Beine während des Fluges  unterzubringen. Außerdem müssen da meine Wanderschuhe hin. Schließlich will ich nicht im Flugzeug wandern. Für meine Frau war das auch kein Vorteil. Sie nimmt sowieso immer eine Tasche mit, die sie unter den Vordersitz legt, damit ihre Beine während des Fluges nicht in der Luft hängen. Auch ohne Priority.

Ein weiterer Vorteil ist die bevorzugte Behandlung beim Boarding.

„Unter Boarding (Einsteigen, an Bord gehen) versteht man die Phase zwischen dem Aufruf an die Passagiere, sich zu dem Flugsteig zu begeben, von dem aus das für den gebuchten Flug bereitstehende Flugzeug erreichbar ist, und dem Zeitpunkt, an dem die Flugzeugtüren verriegelt werden“, (Wikipedia). Eine Zwischenzeit also. Nicht mehr hier, aber auch noch nicht da.

Die Fluggäste versammeln sich in einer Art  Raum am Gate. Dort sitzen sie, meist ziemlich lange, entweder in bequemen Sesseln oder auf notdürftig gepolsterten Stühlen. Bis das Kommando ertönt: Die Passagiere des Fluges FR 375 werden gebeten, sich zu Flugsteig B53 zu begeben.“ Dann beginnt das Boarding. Kaum ist das letzte Wort verklungen, springen alle auf, als  drohe der Flieger ohne sie abzuheben, bilden eine lange Schlange, um ein letztes Mal ihr Flugticket vorzeigen zu dürfen. Nach etlichen Minuten – am Boardingschalter bewegt sich nach wie vor nichts – hat sich eine Schlange von zwanzig Metern gebildet. Jetzt kommt Priority ins Spiel. Er entzweiht die Reisenden in zwei Klassen: Rechts non-priority, links priority. Erst kommt Priority. Die mit dem non müssen noch warten.

Clever wie ich bin, bleibe ich sitzen, und beobachte das Geschehen. Nur nicht zu früh aufstehen. Endlich, am Schalter bewegt sich was. „Sollen wir?“ Meine Frau zerrt ungeduldig am Ärmel. „Die Schlange bei Priority ist doch ganz kurz.“ Einen Augenblick warten wir noch. Dann nehme ich den Rucksack und stehe in der Reihe. Bevor eine von links herannahende mindestens zehn köpfige Reisegruppe uns den Platz streitig machen kann.

Pässe und Bordkarte vorzeigen, dann ist der Weg frei. Für knapp zehn Meter. Die Tür zum Rollfeld ist verschlossen. Wir müssen warten. Es ist kalt und zieht wie Hechtsuppe. Mein Priority-Rucksack, den ich als Handgepäck mitgenommen habe, wird schwerer und schwerer. Noch bevor ich ihn absetzen kann, droht eine Aufseherin: „Rücken Sie bitte enger zusammen, damit wir weitermachen können. Sonst kommen wir ja nie weg.“

Der Gang füllte sich, die Luft wird stickig. Wie viele Menschen in so ein kleines Flugzeug passen. Sehnsüchtig wandert mein Blick durch die Scheibe in den Boarding Room. Dort lümmeln sich immer noch einige non-priorities bequem in ihren Sesseln. Eine Ewigkeit später, als sich endlich alle im Gang drängeln, dürfen wir endlich  weiter.

Geflogen sind wir  dann alle gleichzeitig.

Jörn Wiertz, Oktober 2019