Jörn Wiertz

Geschichten

Im Dunkeln

Im Dunkeln

Friedhelm konnte sich nicht losreißen. Die Höhle faszinierte ihn. Er musste sie noch einen Augenblick genießen. Von einer Höhle zu sprechen war ohnehin untertrieben. Insgesamt maß sie mehr als zwanzig Kilometer in der Länge und war zum größten Teil nicht einmal erforscht.

Die Ebene, auf der sie sich gerade befanden, glich einem überdimensionalen Aussichtsbalkon; nur wenige Meter breit und etwa vierhundert Meter lang. So als wäre sie eigens dafür geschaffen, dem Besucher zum Abschluss noch einmal das ganze Panorama dieses riesigen Gewölbes zu präsentieren.

Die unfassbaren Gebilde, die sie vor einer halben Stunde noch ehrfurchtsvoll umrundet hatten, lagen ihnen nun zu Füßen. Die zwei Säulen, eine, die von der Decke herab hing und ihr Gegenpart, der ihr entgegen wuchs. Nur ein kleiner Spalt trennten sie noch voneinander. Und doch würde es einige tausend Jahre dauern, bis sie verschmelzen würden. Die schneeweißen Stalagmiten, sie funkelten wie Diamanten und sahen aus wie eine riesige Installation verkehrt herum wachsender Eiszapfen. Steinerne Vorhänge, so dünn, dass Licht durch sie hindurch schien.

Am Ende des Plateaus befand sich eine Treppe. An ihrem Fuß begann der kurze Stollen, der zum Ausgang führte.

Friedhelm verlangsamte seinen Schritt, blieb zurück und ließ die Gruppe auf der Treppe hinunter verschwinden. Ein letztes Erinnerungsfoto!

Als er auf den Auslöser drückte, ging plötzlich das Licht aus. Es wurde dunkel. Völlig dunkel. Alles um ihn herum verschwand in einem tiefen Schwarz. Nicht die leiseste Ahnung eines Lichtes ließ sich ausmachen. Auch sein Körper war verschwunden. Instinktiv betastete er das Gesicht. Augen, Nase, Mund. Alles noch da!

Wie sollte er bloß zur Treppe gelangen? „Das Geländer“, schoss es ihm durch den Kopf. Das Geländer, das die Besucher vor dem Absturz in die darunter liegenden Etagen schützte, würde ihn den Weg zum Ausgang weisen.

Er tastete. Die Füße schraubten sich in den Boden. Der Oberkörper beugte sich nach vorn, die Arme streckten sich in die Dunkelheit hinein.

Dann fand er den rettenden Halt, umklammerte den Handlauf, damit der ihm nicht entglitt und bewegte sich vorsichtig in Richtung Treppe.. Während sich die Linke ans Geländer klammerte, ertastete die Rechte den Raum. Die Decke war nicht allzu hoch. Schon vor dem Stromausfall musste er das eine oder andere Mal den Kopf einziehen, um sich nicht zu verletzen.

Plötzlich endete das Geländer. Fast hätte er das Gleichgewicht verloren. Bloß nicht abstürzen! Er erinnerte sich: Immer wenn ein Stalagmit aus dem Boden empor wuchs, war es für einige Meter unterbrochen. Dann begann es wieder. Doch wie sollte er es im Dunkeln wiederfinden?

Die unzähligen Besucher, die sich tagtäglich durch die Höhle bewegten, hatten den Fußboden zu einer glatten Fläche geschliffen. Bei Licht konnte er deutlich einen Pfad erkennen. Jetzt war auch dieser in der Dunkelheit verschwunden. Bestimmt ließ er sich ertasten.

Er ging in die Hocke, stützte sich ab, streckte die Beine nach hinten aus und strich mit den Handflächen zart über den steinernen Boden. Dort, wo er den Weg vermutete, war es spiegelglatt; daneben deutlich wellig.

Er robbte vorwärts. Meter für Meter. Dann war es nur noch wellig. Der Weg war verschwunden. Panik.

Das Ganze machte sowieso keinen Sinn! Bestimmt war der Strom gar nicht ausgefallen. Es hatte nur jemand das Licht ausgemacht. Weil Feierabend war. Denn seine Gruppe war die letzte gewesen. Mit aller Kraft schrie er um Hilfe. Vielleicht hörte ihn ja jemand? Tausendfach hallte sein Echo zurück. Aber eine Antwort bekam er nicht.

Friedhelm freundete sich gerade mit dem Gedanken an, die Nacht in der Grotte zu verbringen, als ein Wassertropfen direkt neben seinem Ohr aufschlug. Plop! machte es. Ein weiterer traf ihn im Nacken.

Der nächste Plopp klang irgendwie anders. „Plooooppp!“

Nicht so kurz und scharf wie die Vorherigen. Es hatte ein Echo. Und es kam von unten.

Als er die rechte Hand zur Seite austreckte, ertasteten die Fingerspitzen eine Kante. Die andere griff vollends ins Leere. Nicht auszudenken, wenn er einschlafen würde und sich im Schlaf umdrehte. Auch ein paar Zentimeter weiter in die Richtung, in die er sich bewegte,  drohte der Absturz.

Keinen Zentimeter traute er sich mehr von der Stelle. Die Nässe drang in seine Kleider. Ihm wurde kalt. Ratlos lag er einige Minuten auf dem Stein.

Was war das? Irgendetwas zupfte an seinem Hosenbein; dann auch am Ärmel. Mäuse? Ratten? Oder vielleicht…!

Hier unten lebten Grottenolme. Das hatte er in dem Prospekt gelesen. Schlangenartige Wesen mit durchsichtigem Körper und ohne Augen. Der Sage nach waren es die Kinder eines riesigen Ungeheuers, das in der Höhle sein Unwesen trieb. Das  Grauen packte ihn. Er erstarrte.

Dann ging das Licht wieder an. Die Stimme seiner Frau drang an sein Ohr. „Friedhelm! Aufstehen! Wir wollen doch heute in die Höhle.“

Jörn Wiertz, September 2024